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Artikel in der Nürtinger Zeitung vom 21. Juni 2016

"Wir gewinnen alle - oder verlieren alle"

Sie kennen und sie schätzen sich: die SPD-Europaabgeordnete Evelyne Gebhardt und der Christdemokrat Jean-Claude Juncker, seines Zeichens Präsident der EU-Kommission. (Bild: Jürgen Gerrmann)

Jean-Claude Juncker, der Chef der EU-Kommission, glaubt kurz vor der Brexit-Abstimmung weiter an die Zukunft Europas

„Monseur le President“ – so hat ihn seine Mitarbeiterin stets genannt. Doch als er dann das kleine Besprechungszimmer betritt, sagt er nur „Guten Tag, ich bin Jean-Claude Juncker“ und gibt jedem von uns acht baden-württembergischen Journalisten, für die er sich Zeit nimmt, die Hand. Und die Dreiviertelstunde mit dem Chef der EU-Kommission verläuft erstaunlich locker.

Von Jürgen Gerrmann

Im aktuellen „Spiegel“, Deutschlands größtem Nachrichtenmagazin, steht ja etwas, das man im Feuilleton wohl als „Verriss“ bezeichnen würde. Als „selbstherrlich“ und „inkompetent“ wird er da zum Beispiel skizziert. Aber so haben wir ihn im Rahmen einer der für Nürtingen zuständigen SPD-Europaabgeordneten Evelyne Gebhardt organisierten Informationsreise freilich in keiner Sekunde erlebt. Dass zum Beispiel während des Gesprächs acht Aufnahmegeräte mitlaufen, ist für ihn keinerlei Problem: „Schaltet Eure Dinger an, wir sind die offenste Einrichtung der Welt!“

„Wenn wir die Herzen und Träume der Menschen nicht mehr erreichen, können wir einpacken!“
Jean-Claude Juncker, Chef der EU-Kommission

Auch die Frage unserer Zeitung, ob denn eine Chance bestehe, dass das Europa der Angst und Ellenbogen vielleicht doch wieder von einem Europa der Herzen abgelöst werden könne, beantwortet er in aller Offenheit und Klarheit: „Das hängt auch von den Bürgern ab.“ Bei den Flüchtlingen habe die EU-Kommission zum Beispiel mehr Herz zeigen und für eine gerechtere Verteilung sorgen wollen – aber viele in den Nationalstaaten hätten leider „keine Lust auf Teilen“. Freilich: „Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Denn wenn wir die Herzen und Träume der Menschen nicht mehr erreichen, können wir einpacken!“ Viele Bürger hätten auch ein Problem mit sich selbst: Damit hänge es wohl auch zusammen, dass die Rechtspopulisten immer stärker würden. Er habe so langsam den Eindruck, dass wann immer man dem Volk eine Frage zu Europa stelle, es negativ für die EU entscheide.

Plappern die „klassischen Parteien“ den Rechtspopulisten zu sehr nach?

Im Moment rede man über die wichtigsten Dinge nicht: „Europa ist immer noch ein Friedensprojekt.“ Aber das reiche für viele junge Menschen nicht mehr. Ihnen gelte es, noch mehr ins Bewusstsein zu rufen. Zum Beispiel? „Wir sind der kleinste Kontinent auf dieser Erde und denken immer noch, wir sind die Herren der Welt.“ Seine Überzeugung scheint ungebrochen: Europa muss zusammenbleiben und weiter zusammenwachsen, könnte man sie wohl auf eine kurze Formel bringen.

Aus Junckers Sicht „plappern die klassischen Parteien den Rechtspopulisten zu sehr nach – anstatt sich klar zu bekennen“. Die Folge? „Die Leute wählen dann lieber das Original.“ Was wäre die Alternative? „Man muss sich den Kräften, die das Fremde ablehnen, hassen und ausgrenzen, radikal in den Weg stellen. Und zur Gegenrede antreten statt zur teilweisen Beweihräucherung dieser Positionen.“ Die Flüchtlinge seien vor allem Menschen: „Wir aber tun so, als wären das nur Problemfälle.“ Kein Zweifel: Das Flüchtlingsdrama treibt ihn um. Und er verweist darauf, dass Ungarn und Ostdeutsche lange Zeit keine Fremden gewohnt gewesen waren. Der eiserne Vorhang sei vor 25 Jahren verschwunden. „Aber diese Zeit reicht nicht zu einer neuen Kollektiverinnerung. Wir müssen da vielleicht auch etwas Geduld üben.“ In seinem Heimatland Luxemburg lebten 49 Prozent Ausländer: „Mit denen kannst du keinem Angst machen.“ Die seien ganz selbstverständlich Teil des nachbarschaftlichen Lebens: Aber wenn man bei einem Anteil zwei oder drei Prozent sage, es könnten einmal 25 werden, dann funktioniere das offensichtlich.

Europa sei zu weit weg von den Menschen, werfen einige der EU vor. Und wenn man eine Parlamentsvorlage liest (oder besser gesagt: sich da durchkämpft) ist man durchaus geneigt, ihnen in diesem Punkt recht zu geben. Der Chef der Kommission sieht es so: „Ich bemühe mich immer, Klartext zu sprechen. Aber zuvor muss ich immer die Notizen, die mir vorgelegt werden, in eine normale Sprache übersetzen.“ Auch die vielen Abkürzungen nerven ihn: „Die sind doch nur Beamtenfaulheit.“

Zehn Minuten pro Tag Zeit für 20 Jahre alte Zeitungen

Über eins ist sich Juncker allerdings auch klar: „Der Vertrauensverlust gegenüber der EU ist eher am Wachsen als am Abnehmen.“ Er habe es sich allerdings zur Übung gemacht, zehn Minuten pro Tag 20 Jahre alte Zeitungen zu lesen: „Da finde ich keine großen Unterschiede.“ Einer der Gründe für das schlechte Image der EU sei sicher die Art und Weise, wie Spitzenpolitiker darüber redeten. Nach den Gipfeln in Brüssel erklärten die Regierungschefs der Einzelstaaten die Beschlüsse immer durch die nationale Brille: „Ich bin ja lange genug dabei. Dauernd setzt sich einer durch.“ Diese Aufteilung in Winner und Looser geht ihm auf den Geist: „Das hat mit der Realität nichts zu tun. Entweder wir gewinnen alle. Oder wir verlieren alle.“ –

Ihn ärgert die Taktik, alle negativen Entscheidungen, die man zuvor mit beschlossen habe, danach „denen in Brüssel“ zuzuschieben. In einem gibt er den Kritikern indes recht: „Die früheren Kommissionen haben ihre Nase in zu viel gesteckt. Nicht jedes Problem in Europa ist ein europäisches Problem.“ Daher habe er, nachdem er nach der jüngsten Europawahl die Nachfolge des Portugiesen José Manuel Barroso angetreten habe, erstmal alles Unerledigte durchgeschaut: „Über 100 Vorschläge haben wir zurückgezogen.“ Die Vorgänger-Kommissionen hätten im Jahr etwa 130 neue Initiativen vorgelegt: „Wir haben das jetzt auf 23 reduziert. Die EU muss in großen Dingen groß und in kleinen winzig klein sein.“

Zum Schluss fragt ein Kollege noch, was Juncker denn eigentlich von der  Frau hält, die neben ihm sitzt. Antwort: „Ich kenne Evelyne Gebhardt schon seit Jahrhunderten. Sie ist ein Gesamtkunstwerk.“ Und wie schätzt sie ihn ein? „Er ist einer der Christdemokraten, der die christliche Lehre wirklich noch ernst nimmt und deswegen das Soziale nicht vergisst.“ Man sieht: Beide sind überzeugte Europäer und arbeiten an einer guten
Zukunft. Über Partei- und Fraktionsgrenzen hinweg.