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Europäerin par excellence

Porträt der Woche im Staatsanzeiger
18. Mai 2012

"Sind Sie eine mutige Frau?" Bei dieser Frage lacht Evelyne Gebhardt. Bloß 18 Prozent der Deutschen sind dafür, Griechenland auch dann finanziell zu helfen, wenn konkrete Sparzusagen ausbleiben. Die SPD-Europaabgeordnete aus Mulfingen ist eine von ihnen: Sie hat einen Appell prominenter linker Politiker mehrerer Nationen für einen Kurswechsel bei Bekämpfung der Euro-Krise unterzeichnet. Vergangene Woche erschien er in europäischen Zeitungen. Für Gebhardt war das eine Frage der Solidarität, einem Zentralbegriff ihrer politischen Wertewelt. Europa treibt sie um - seit Jahrzehnten schon, und auch aus persönlichen Gründen.

Das Jahr 1975 war wegweisend für sie: Damals heiratete die gebürtige Pariserin einen Deutschen, zog mit ihm in eine 3700-Einwohner-Gemeinde im Hohenlohekreis und trat in die SPD ein. Ein "Kulturschock" für sie war damals nicht der Umzug in die vermeintliche Provinz - wohl aber der Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland, was das Ansehen der Frauen und ihr Selbstverständnis im Erwerbsleben angeht. Mit dem Begriff Rabenmutter habe sie nichts anfangen können. "Das war eine starke Motivation, in die Politik zu gehen", sagt sie heute. Dort machte die heute 58-jährige, gelernte Sprachwissenschaftlerin Karriere: seit 1994 im Europäischen Parlament, wurde sie 2005 und 2006 zur Europäerin des Jahres gekürt, von einer englischsprachigen Zeitung in Brüssel, die so unter anderem ihre Verdienste um die Dienstleistungsrichtlinie würdigte.

Der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy berief sie 2007 in seinen Beraterkreis und lobte sie für die "vorbildliche Verknüpfung von wirtschaftlichen und sozialen Belangen". Vergangenes Jahr stieg Gebhardt aus, "als sichtbar wurde, dass Herr Sarkozy immer weiter nach rechts driftet". Seine Politik gegen Sinti und Roma verstieß gegen ihr Gerechtigkeitsgefühl.

Zwei Fragen...

Woran krankt Europa derzeit?
Europa krankt an einem Mangel von Europa. Wir brauchen mehr Europa - mehr Möglichkeiten, eine Wirtschaftsregierung einzurichten. Das bedeutet auch, dass in diesem Zusammenhang die Sozialpolitik eine größere Rolle spielt.

Gibt es etwas, worauf Sie stolz sind?
Ich bin stolz darauf, dass es mir immer wieder gelingt, eine gute, positive Politik zu gestalten, bei der die Menschen im Mittelpunkt stehen und dies auch im Europaparlament durchzusetzen. Das gibt einem die Kraft und den Willen, weiterzumachen.