Deutsch
 
English
 
Français

Interview für die Jugendseite des Haller Tagblatt

Europäische Identität unter Jugendlichen

HT: Das erste europäische Dokument bezüglich europäischer Identität wurde 1973 in Kopenhagen als "Deklaration der europäischen Identität" verfasst. Bis heute gibt es wenig kollektive europäische Identität, vor allem unter Jugendlichen. Ein politisches Problem?

Gebhardt: Die Politik kann hierbei wenig machen, es hängt eher vom Lebensgefühl der Menschen an sich ab. Jedoch befinden wir uns in einem Prozess der Identitätsstärkung. Zum Beispiel hat die EU als Institution erst seit einigen Jahren Einzug in den Lehrplan der Schüler gefunden.

Also spielt die Schule eine wichtige Rolle in dem Prozess?

Ja, natürlich. Wenn man diese Identität entwickeln will, muss man sich als Europäer untereinander schätzen lernen, persönliche Begegnungen spielen dort eine wichtige Rolle. Deshalb versuchen wir durch gezielte Förderung von Programmen wie z.B. das Erasmus-Bildungsprogramm die Identität unter Jugendlichen zu stärken.

Die Europäische Union ist die einzige supranationale Institution weltweit. Sie ist weder internationale Organisation, noch ersetzt sie nationale Regierungen. Nicht allen Jugendlichen ist diese politische Einzigartigkeit bewusst. Viele sind der Meinung, dass die EU nur Reisen ohne Grenzkontrollen und Geldumtausch ermöglicht hat, stimmt das?

Die EU ist sehr viel mehr als nur das. Durch den Lissabon Vertrag schuf sie eine Wertegemeinschaft und einen Grundrechtekatalog, der darin integriert ist. Das heißt, sie ist auch eine politische Union. Es gibt mehr als nur den Euro als Währung und das muss den Jugendlichen noch mehr bewusst werden.

Eines der Gründungsziele -dauerhafte Friedenssicherung- wurde erreicht. Noch nie haben Mitgliedsstaaten der EU gegeneinander Krieg geführt. Denken Sie, das wird unter den Jugendlichen wahrgenommen? Scheint das schon selbstverständlich zu sein, Frau Gebhardt?

Ich denke der Frieden ist für uns Europäer schon selbstverständlich geworden. Jedoch habe ich mit jungen Leuten über das Thema gesprochen und es stellte sich heraus, dass erst durch den Vergleich mit anderen Staaten, wie z.B. die Konflikte in Nordafrika, der Frieden an sich wieder als Wert in den Vordergrund rückt. Vielen Jugendlichen wird das erst durch die Ereignisse in anderen Staaten bewusst, was durch die EU geschaffen wurde.

Der Europäische Sozialfonds fördert in Deutschland mit über 9 Milliarden Euro mehrere Projekte. Viele Jugendliche profitieren von Projekten, die mit diesem Fonds finanziert werden. Jedoch wissen nur wenige, dass die EU dahinter steckt. Was ist der Grund für diese mangelnde Präsenz der EU Politik unter Jugendlichen?

Man sollte unterscheiden können, was EU Politik und was nationale Politik ist. Bis die beschlossenen Gesetze oder Projekte der EU umgesetzt werden, vergeht viel Zeit. Es wird oft vergessen wer überhaupt dahinter steckt. Außerdem werden Gesetze, die in der Gesellschaft gut ankommen als Ideen der Bundesregierung dargestellt. Wenn das Gesetz jedoch auf Kritik stößt, heißt es schnell, die aus Brüssel seien schuld.

Aufgrund der Tatsache, dass 27 Regierungen, 736 Parlamentarier und weitere Interessengruppen ihre Ziele in der EU durchsetzen wollen, bleibt wenig Platz für Jugendliches Interesse. In wie fern könnte man dieses in der EU besser repräsentieren?

Man muss direkt mit den Jugendlichen reden. Ich selbst besuche oft Schülerklassen oder lade diese ins Parlament ein, um die EU Politik direkt zu vermitteln. Da bekommt man dann auch die Meinung der jungen Leute mit. Außerdem gibt es Programme wie z.B. Euroscola, das Schülern ermöglicht das Parlament zu besuchen, sie zu interessieren und zu begeistern. Es muss klar sein, dass wir Politik nicht für uns machen, sondern für die jungen Leute, die davon profitieren sollen.

In Österreich waren bei der Europawahl 2009 auch 16 Jährige Wahlberechtigt. Die Wahlbeteiligung stieg im Vergleich zur letzten Europawahl um 3,6 Prozentpunkte auf 46%. Würden sich deutsche Jugendliche vielleicht dadurch besser als Europäer identifizieren, oder gäbe es allgemein mehr Interesse?

Wahlen sind die wichtigste Grundlage der Demokratie und ich denke mit 16 ist man durchaus reif genug wählen zu gehen. Es ist dennoch wichtig, dass sich Jugendliche selbst durch ihr Engagement beteiligen, es gibt so viele Möglichkeiten hierfür. Trotzdem kann ich verstehen, dass man als Jugendlicher nicht nur Politik im Kopf hat, das war bei mir selbst ja auch so.

Die Fragen stellte Laurin Waldmann