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"Nicht nur die eigenen Egoismen bedienen"

Interview mit der Heilbronner Stimme
22. Januar 2013

Ein Jubiläum mit kleinen Schatten. Vor dem Hintergrund des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags, der heute 50 Jahre besteht, ist das Verhältnis der beiden Nachbarn auf Regierungsebene derzeit nicht das beste. Mit der Hohenloher Europaparlamentarierin Evelyne Gebhardt (SPD), die beide Staatsangehörigkeiten besitzt, sprach unser Redakteuer Wilfried Werner.

HSt: Frau Gebhardt, 50 Jahre deutsch-französischer Freundschaftsvertrag: Ein Grund zum Jubeln?
Es ist für mich ein Grund zur Freude. Jubeln vielleicht nicht, weil es zurzeit zu viele drängende Probleme gibt. Aber freuen ja, weil dieser Vertrag die Grundlage des Friedens in der Europäischen Union bedeutet, den wir heute haben.
HSt: Sie selbst waren 1963 noch ein Kind. Wie haben Sie die Zeit danach erlebt?
Ich weiß noch, dass meine Eltern sich sehr gefreut haben. Meine Eltern gehörten ja noch zu der Generation, die den Zweiten Weltkrieg mitbekommen hat und großen Wert auf die Errungenschaft des Friedens legte.
HSt: Sicher gab es auch negative Erfahrungen mit dem Nachbarn Deutschland bei den Eltern, Großeltern?
Ja. Die gab es auf jeden Fall. Es gab auch negative Bemerkungen im Bekanntenkreis, als ich von Frankreich nach Deutschland gegangen bin. Das war Mitte der siebziger Jahre. Es ist heute undenkbar geworden, dass es solche Reaktionen geben würde.
HSt: Partnerschaft. Freundschaft. Nach 50 Jahren ist vieles Routine. Wie in einer alten Ehe eben...
Auch in einer alten Ehe sollte man sich anstrengen, diese auch immer wieder frisch zu gestalten. Das gilt auch für die deutsch-französische Freundschaft. So haben zum Beispiel zum 40. Jahrestag die Regierungen Chirac und Schröder die gegenseitige doppelte Staatsbürgerschaft ermöglicht. Das sind Gesten, die nicht unerheblich für die Menschen sind.
HSt: Es müsste also bei jedem Jubiläum etwas Neues dazukommen.
Ja. Aber ich weiß nicht, ob und was Merkel und Hollande da vorbereitet haben. Hoffentlich haben sie in ihren Überlegungen die Anliegen der Bürger und Bürgerinnen in den Mittelpunkt gestellt.
HSt: Ein Herzstück des Élysée-Vertrags ist das deutsch-französische Jugendwerk, das eigentlich über all die Jahre eine Erfolgsgeschichte war.
Sie betonen zu Recht das Wort "war". Auch da muss wieder ein neuer Elan hineingebracht werden. Man bräuchte mehr finanzielle Mittel und müsste sich auch überlegen, ob die Strukturen noch zeitgemäß sind.
HSt: Ein wachsendes Problem ist die Sprache. Immer weniger Franzosen lernen Deutsch, umgekehrt gilt in etwa das Gleiche.
Da kann man eigentlich nur an die jungen Leute appellieren, die Sprache des Nachbarlandes zu lernen. Dass es positiv sein kann, außer Englisch auch noch andere Sprachen zu lernen. Je vielfältiger man aufgestellt ist, desto besser ist es für die Menschen in der globalisierten Welt.
HSt: Zur Regierungsebene. Der deutsch-französische Motor lief immer dann rund, wenn sich die jeweiligen Kanzler und Präsidenten persönlich gut verstanden. Derzeit ist das Verhältnis eher kühl. Woran liegt's?
Ich hätte mir gewünscht, dass Frau Merkel das akzeptiert, was eigentlich normal und üblich ist: Dass sie sich nicht in den Wahlkampf in Frankreich einmischt. Sie hat den späteren Verlierer unterstützt. Das hat den Neuanfang mit einem neuen Präsidenten erschwert. Jetzt muss erst mal wieder Vertrauen aufgebaut werden, und das braucht natürlich Zeit.

HSt: Was haben Sie François Hollande in Bezug auf Deutschland vorzuwerfen oder zu raten?

Er sollte sich auf jeden Fall noch viel stärker mit Deutschland beschäftigen und das nicht allein seinem Premierminister Jean-Marc Ayrault überlassen, der ein sehr guter Deutschlandkenner ist.

HSt: Was kann man auf staatlicher Ebene noch tun?

Was ich mir wünschte, wäre, dass die zwei Regierungschefs auch in ihr Kabinett jeweils eine Persönlichkeit aus dem anderen Staat aufnehmen würden, um so die Verstärkung der Zusammenarbeit auf eine andere und bessere Basis zu bringen.

HSt: Im Zuge der Eurokrise haben sich die beiden Länder zuletzt voneinander weg bewegt. Frankreich orientiert sich eher an den Südländern, Deutschland sucht Beistand bei Österreich den Skandinaviern.

Das Auseinanderdriften muss verhindert werden. Denn wir sollten nicht vergessen, dass die Europäische Union auf der Basis einer Solidargemeinschaft aufgebaut ist. Eine politische Union: das bedeutet, dass man Rücksicht aufeinander nehmen muss und nicht nur die eigenen Egoismen bedienen darf. Das gilt für beide Seiten.