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"Ihre Körpersprache zeugt von großem Misstrauen"

Interview mit der Stuttgarter Zeitung
14. Dezember 2013

Die deutsch-französische SPD-Europaabgeordnete Gebhardt spricht über die Startschwierigkeiten des Duos Merkel-Hollande. Es hat schon mehrere ungleiche Partnerschaften zwischen Berlin und Paris gegeben. Doch die Bundeskanzlerin und den Präsidenten trennt noch etwas mehr als ihre Vorgänger, ist die Europapolitikerin Evelyne Gebhardt überzeugt.

StZ: Frau Gebhardt, Sie sind in beiden politischen Kulturen verwurzelt. Warum stockt der viel beschworene deutsch-französische Motor?

Er stockt, weil zwei Hauptantriebskräfte - François Hollande und Angela Merkel - noch keinen Draht zueinander gefunden haben. Und dieses persönliche Vertrauen zwischen den jeweils führenden Persönlichkeiten spielt in der deutsch-französischen Partnerschaft schon immer eine ganz entscheidende Rolle.

StZ: In welchem Beziehungsstadium sehen Sie Merkel und Hollande?

Sie suchen sich noch immer. Ihre Körpersprache - wenn man beide zusammen sieht - zeugt noch von sehr großem Misstrauen. Da braucht es noch einige Gespräche, bis sie sich wirklich gegenseitig achten und ernst nehmen.

StZ: Sie kennen Hollande seit dem gemeinsamen Wahlkampf 2005 für den EU-Verfassungsvertrag. Wie gewinnt man sein Vertrauen?

Indem man offen auf ihn zugeht und ihm nicht den Eindruck vermittelt, er solle etwas machen, was andere von ihm erwarten, ohne dass es seine eigene Idee wäre. Da reagiert er ziemlich aggressiv.

StZ: Er ist also ein sturer Kerl?

Er kann so stur sein wie Frau Merkel - das ist das Problem. Andererseits muss man in der Politik gelegentlich stur sein.

StZ: Es treten schließlich auch zwei verschiedene parteipolitische Vorstellungen von Europa gegeneinander an.

In der Vergangenheit haben die Duos Mitterrand-Kohl oder Schröder-Chirac ja gezeigt, dass parteipolitische Differenzen überwunden werden können. Allerdings sind die politischen Unterscheide zwischen Merkel und Hollande auch größer.

StZ: Warum?

Weil Frau Merkel die Lösung der Probleme alleine dem Markt überlassen will, was nicht der französischen Herangehensweise entspricht. Da gibt es in Paris traditionell ein anderes Staatsverständnis - und Merkel agiert meiner Meinung nach deutlich staatsferner als alle ihre Vorgänger.

StZ: Jetzt geht es beim EU-Gipfel um eine Reform der Eurozone. Wird Hollande Ihrer Meinung nach einer weiteren Abgabe von Souveränität von Paris nach Brüssel zustimmen? Sie haben das verlorene Referendum 2005 ja selbst schon erwähnt.

François Hollande ist ein wahrer Europäer. Wie er entscheiden wird, weiß ich nicht. Ich kann aber sagen, dass das Nein 2005 nicht auf die Frage fokussiert war, mehr Macht an Europa zu geben. Die Aussage der Franzosen war: Wir wollen ein sozialeres Europa. Und es besteht immer noch die Angst, dass die soziale Marktwirtschaft nicht stark genug ausgeprägt ist. Hollande wird sich deshalb sicher nicht vor die Franzosen stellen können, um für einen Sparpakt à la Merkel zu werben. Da muss von ihr schon mehr kommen. Ich glaube aber, dass es sehr schwierig werden wird.

StZ: Warum so pessimistisch?

Die politische Konstellation ist ungünstig: Hollande ist gerade gewählt worden, Merkel möchte demnächst wiedergewählt werden. Realistisch betrachtet wird es eben wohl doch bis nach der Bundestagswahl dauern, bis wieder eine richtige Partnerschaft hergestellt werden kann.

Das Gespräch führte Christopher Ziedler.